Die verlorenen Seelen von San Francisco: San Francisco und die Obdachlosen

| By | Antworte Mehr

7384948356_9a4ac34532_bSie sind die verlorenen Seelen in den Straßen von San Francisco und viele von ihnen wandern Nacht für Nacht durch die Stadt, weil sie Angst haben sich irgendwo auf den Bürgersteig oder in einen Hauseingang zu legen.

Die Gründe für ihre Angst sind einfach erklärt, sie fürchten sich einfach davor, wieder einmal ihrer wenigen Habseligkeiten beraubt zu werden während sie ein wenig schlafen.

Ich habe schon immer von San Francisco geträumt und als ich endlich den Boden dieser wunderschönen Stadt betrat, habe ich mich auf Anhieb in sie verliebt. Nicht nur schönes und erfreuliches habe ich hier gesehen, sondern auch Dinge die mich beschäftigen und die mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Die Obdachlosen von San Francisco gehören auf jeden Fall dazu.

In Las Vegas, fiel mir einmal ein uniformierter Mann auf der mit einer Sammelbüchse in der Hand dort über den Strip ging und mit einem Glöckchen auf sich und seine Sammlung für Homeless aufmerksam machte.

Ich dachte der spinnt und wenn ich ehrlich bin dann bin ich auch heute noch sauer auf meine damaligen Gedanken. Ich komme hier her, will mir die schönen Dinge hier in der Weltstadt der Spielkasinos mit all dem Prunk ansehen und dann kommt dieser Verrückte mit seinem Glöcklein und sammelt für Heimatlose, ich dachte wirklich ich spinne. Aber irgendetwas hat mich nicht losgelassen und als ich auf dem Rückweg den Kerl immer noch sammeln sah, da bin ich einfach hin, denn wenn ich etwas nicht „auf die Reihe kriege“, dann kenne ich nichts und dann frage ich getreu meinem Motto, „wer fragt der weiß nicht alles, wer nie fragt bleibt dumm“, einfach nach und habe den „Sammler“ angesprochen.

Ich mit meinem miserablen englisch, dafür aber gut mit Händen und Füßen, und dann hat er mir erklärt, dass sich der Staat so gut wie gar nicht um die Obdachlosen kümmert und das er froh ist, das seine Organisation die Salvation Army sich darum kümmere und auch ihm geholfen hätte. Damals dache ich erst, die hätten etwas mit dem Vietnamkrieg zu tun, später erfuhr ich, dass es sich um die Heilsarmee handelt. Die Menschen geben hier in dieser Stadt oft sehr viel Geld aus und da werfen sie auch gerne etwas in meine Sammelbüchse. Einen Dollar hat doch jeder der hier herkommt übrig, sagte er und ich konnte nicht anders, ich musste ihm Recht geben. Nicht nur der kleine Mann auf der Straße sondern auch viele namhafte und große US-Firmen würden jährlich viele Millionen Dollar für Obdachlose und Arme spenden. Ich fand das gut, geglaubt habe ich ihm das aber, wenn ich ganz ehrlich bin, nicht.

Meinen Dollar habe ich ihm in seine Sammelbüchse gesteckt, das hatte er „sich“ wirklich verdient und er hat sich sogar ordentlich und freundlich dafür bedankt. Ein wenig sprachlos war ich schon…

…und dieses Thema geht mir seit dem nicht mehr aus dem Kopf.

Zurück nach San Francisco.

Zur Vorbereitung auf meinen ersten San Francisco Besuch habe ich viel im Internet über die Sehenswürdigkeiten der Stadt gelesen..

Ich wusste von den Cable Cars, von Alcatraz, das es eine Fisherman’s Wharf gab die da am Wasser liegt aber was das genau war wusste ich nicht. Ja nicht einmal ob mein eigentliches Ziel, die Golden Gate Bridge nun rechts oder links von der Fishermans Wharf aus gesehen lag wusste ich und das es in San Francisco Obdachlose gibt, darüber habe ich gar nicht nachgedacht. Das es so viele waren hätte ich auch nicht geglaubt.
Schon bei meinem ersten Besuch in der Stadt fielen mir ein paar „ärmlich gekleidete Bettler“ auf die dort direkt am Hotel auf dem Boden saßen. Ich habe sie nicht weiter beachtet und ging an die Drehscheibe der Cable Car in der Powell Street und stiegen dort, nachdem wir den MUNIPassport (den hatte uns der freundliche Mitarbeiter im Hotel empfohlen) gekauft hatten, in eine dieser weltberühmten Cable Cars. So ging’s bis kurz vor Fishermans Wharf. Eine wunderbare Fahrt, erst Bergauf und dann wieder Bergab und ich werde es mein Leben lang nicht mehr vergessen. Ich hatte so viel gesehen nur „meine“ Brücke, die hatte ich immer noch nicht gefunden.

Dafür sah ich dann an Fisherman’s Wharf wieder Menschen die in Papierkörben und Mülleimern suchten und ich dachte noch, mensch, hier in dieser schönen Stadt gibt es wohl viele arme Menschen… Abends, als ich durch die Straßen ging, da hat mich fast der Schlag getroffen, denn soviel erbärmlich aussehende, in Häusereingängen liegende Menschen hatte ich noch nie gesehen. Das darf doch alles nicht war sein, dachte ich mir noch, da bin ich nun in einer der schönsten Städte der Welt und dann so etwas.


San Francisco’s People. Canon 5DmkII 24p
from Philip Bloom on Vimeo.

Gegenüber von einem ****Hotel, waren „jede Menge“ zum Teil auch alkoholisierte Obdachlose, mir war schon ein wenig mulmig und ich hatte wirklich Angst… In einem Hauseingang habe ich dann eine junge Frau mit einem kleinen Kind (vielleicht 3-4 Jahre) gesehen, die haben dort geschlafen, bei diesen Temperaturen einfach so auf dem Boden gelegen und geschlafen… und ich bin weitergegangen und ich habe nichts getan…

Es hatte mich kalt erwischt, ich war darauf nicht vorbereitet und ganz ehrlich war es für uns ein Schock, denn das hatte ich mir ganz anders vorgestellt. So etwas hatte ich in San Francisco nie und nimmer erwartet.

Von europäischen Besuchern hört man oft, dass sie schockiert sind über den Anblick der vielen Obdachlosen in dieser Traumstadt. Ich kann sie da, aus der eigenen Erfahrung heraus, sehr gut verstehen.

Auch dass ist ein Grund dafür, das ich diesen Bericht schreibe. Ich möchte nicht, das jemand so wie ich, nichts ahnend plötzlich mit solch überraschenden Anblicken konfrontiert wird.

Ich wurde damals nicht ein einziges Mal belästigt oder angepöbelt, ich wurde nicht bedroht, nicht überfallen und nicht bestohlen aber ich habe mich schon erschreckt und wäre ich vor meiner Reise aufgeklärt worden, dann hätte ich mir diesen Schock ersparen können.

Schon damals ist mir aufgefallen, dass die Amerikaner im Gegensatz zu uns Touristen diese Leute mit „ganz anderen Augen“ betrachten, gar so tun als wäre dies ganz normal.

So komisch es auch klingen mag, in San Francisco ist das „normal“ ob uns „Ausländern“ das nun gefällt oder nicht.

In meinem Reisebericht habe ich geschrieben:

„Was zum Beispiel die „Homeless“ angeht die einigen gar Angst einjagen, unterhaltet euch mal mit ihnen, auch sie gehören mittlerweile zu San Francisco wie die Cable Cars und Fisherman’s Wharf. Sie tun niemandem etwas, sie sind froh, dass sie (über)leben.“

Irgendwo habe ich gelesen, dass die Dunkelziffer bei den Obdachlosenzahlen in San Francisco bei 5000 bis 7000 liegt.

Wenn ich nur schon daran denke, dann könnte ich heulen vor Wut. Während ich in einem 4 Sterne Hotel wohne, stirbt womöglich unten auf der Straße ein Obdachloser, der niemandem etwas zu leide getan hat, einfach nur weil er in seinem Leben nicht so viel Glück hatte wie ich in meinem. Vielleicht wurde er kurz vor seinem Tode von einem Unwissenden fälschlicherweise sogar noch für einen gefährlichen Verbrecher gehalten… und dabei war sein einziges „Verbrechen“ arm zu sein, Pech gehabt zu haben und nicht auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen…

Ich weiß, dass ich alleine die Welt nicht verändern kann und jeden Tag 1000e unschuldiger Menschen sterben aber es macht mich wütend und traurig und zumindest will ich das sagen/schreiben dürfen…

Was kann man tun?

In der Golden Gate Avenue steht die St. Boniface Church und hier lässt Pater Loui Vitale die Obdachlosen auf den hinteren zweidrittel der Kirchenbänke schlafen, hier fühlen sie sich sicher und nennen es selbst den „heiligen Schlaf“. So kommen täglich viele, viele Obdachlose Menschen hierher und machen von diesem Angebot Gebrauch da sie auch die Toiletten der Kirche benutzen dürfen und sich dort wenigsten einmal waschen können. Manchmal gibt es auch ein Sandwich für diese Armen der Ärmsten. 6 freiwillige Helfer vom „Gubbio Project Direktor Shelly Roder“ kümmern sich dort um die Menschen.

In vielen Kirchen haben Obdachlose im Notfall schon Unterschlupf für die Nacht gefunden aber nur in der St. Boniface Church in San Francisco ist es den Obdachlosen erlaubt auch tagsüber auf den Kirchenbänken zu schlafen.

Siehe dazu auch bitte den erschütternden Bericht der im San Francisco Chronicle zwar schon im Jahre 2005 unter dem Titel „St. Boniface, a sanctuary for homeless people“ veröffentlicht wurde. So ist es in St. Boniface immer noch! Alleine schon die im Artikel veröffentlichten Fotos sprechen eine sehr eindeutige und traurige Sprache…

Die Stadt San Francisco gibt Jahr für Jahr Millionen von Dollars aus und hat eigens Mitarbeiter eingestellt, die sich um die Obdachlosen kümmern, diese aber berichten immer wieder von den Schwierigkeiten die sie haben, da die meisten der Obdachlosen mit niemandem reden wollen denn zu oft wurden sie enttäuscht und betrogen. Solange es sich nicht um einen Notfall handelt sind den Streetworkern die Hände gebunden.

Die Journalistin Sarah Paris arbeitet seit 1995 als freie Mitarbeiterin des „Tages-Anzeiger“ Zürich. Im Jahre 2001 schrieb sie einen, meiner Meinung nach, sehr lesenswerten Bericht über eine obdachlose Frau am Golden Gate Park „Die Frau im Schatten“

Die Amerikaner denken in vielen Dingen anders und gehen mit ihnen anders um als wir Europäer.

Heute, fast 7 Jahre später, ist San Francisco doch sehr aufgeräumt. Obwohl es auch in San Francisco, wie in fast jeder anderen Stadt leider auch, Ecken gibt die man auch heute am besten noch meidet, gehört San Francisco mittlerweile wahrscheinlich zu den sichersten amerikanischen Großstädten.

Auch ich kann bestätigen, dass ich, fast 7 Jahre nach meinem ersten San Francisco-Aufenthalt, den Eindruck gewonnen habe, dass doch einiges anders war im Bezug auf die Obdachlosen. So habe ich den Eindruck, das es zwar immer noch zu viele Obdachlosen in San Francisco gibt aber das es schon deutlich weniger sind.

Kriminalität und Obdachlosigkeit sind meiner Meinung nach zwei ganz „verschiedene paar Schuhe“ Kriminelle sollte man bestrafen und einsperren. Obdachlosen sollte man helfen.

Wenn man uns in irgendeinem Restaurant, wegen der Preise, mal wieder „über den Tisch gezogen“ hat, dann ärgern wir uns aber wir bezahlen trotzdem. Wenn wir für eine Stadtrundfahrt in SFO $ 45,- pro Person bezahlen, dann zahlen wir auch selbstverständlich. Ich zahle $5,- für einen Kaffee, der mir nicht schmeckt und der mir dazu noch in einem Pappbecher „serviert“ wird und weil er mir nicht schmeckt lass ich ihn einfach stehen (und da bin ich nicht die Einzige)

Weil es uns, Gott sei Dank, doch besser geht als vielen anderen, sollte es uns doch auf den einen oder anderen Dollar für „die Obdachlosen“ nicht ankommen.

Wie sagte mir doch der Herr von der „Heilsarmee“ mit der Sammelbüchse in Las Vegas:

… „einen Dollar hat doch jeder der hier herkommt übrig“…

Ich möchte niemandem zu nahe treten, nichts beschönigen oder durch eine rosarote Brille sehn, die Obdachlosen lassen sich nicht wegdiskutieren, sie sind da und wir müssen mit ihnen Leben wenn wir nach San Francisco kommen, das sollte jeder wissen und sich nicht erschrecken aber er sollte auch Folgendes wissen:

“ Keine Angst, die Obdachlosen tun dir nichts, denn sie sind selbst froh das sie (über)leben.“

Okay, es sieht nicht gerade schön aus, wenn man durch San Francisco geht und öfter als in anderen Städten dieser Welt, immer wieder die Obdachlosen oft zusammengekauert am Boden sitzen sieht wo sie einen Becher vor sich stehen haben und darauf warten, dass jemand etwas dort hineinwirft.

Und wieder denke ich an die Worte des Mannes mit der Sammelbüchse, in Las Vegas. Einen Dollar hat doch jeder der hier herkommt übrig, sagte er und auch jetzt kann ich nicht anders, ich muss ihm wieder Recht geben. Machen wir’s doch wie die Amerikaner, helfen wir ihnen … ab und zu mit einem Dollar, denn wenn wir ehrlich sind, dann wissen wir dass wir für andere Dinge auch das Geld ausgeben manchmal sogar für unnütze Dinge.

San Francisco hat viel, sehr viel zu bieten aber sie gehören leider auch dazu… die Obdachlosen von San Francisco.

Kategorie: Fog City - Stadt des Nebels

Loading Facebook Comments ...

Hinterlasse eine Antwort